Wildbienen-Nahrung: Pollen, Öl, Nektar
Bienen und Blütenpflanzen haben eine lange gemeinsame Entwicklungsgeschichte, in der beide immer neue gegenseitige Anreize für die Differenzierung in immer neue Arten schafften:
- Bienen sammeln Pollen und Nektar, manche Arten auch Blütenöl. Der Pollen ersetzt als Eiweißquelle das tierische Eiweiß, mit dem ihre Grabwespen-ähnlichen Vorfahren einst ihren Nachwuchs versorgten. Die Aufgabe der ursprünglich räuberischen Lebensweise löste eine Ko-Evolution mit den Blütenpflanzen aus.
- Blütenpflanzen ("Bedecktsamer" bzw. Angiospermen) hatten sich bereits vor den Bienen (im Jura) entwickelt. Die ursprünglich windbestäubten (anemophilen) Arten entwickelten sich weiter zu solchen (nämlich zoophilen Pflanzenarten), die im Vorteil waren bzw. eine Nische besetzten, wenn sie Tiere für den Transport des Pollens einspannten.
- Der produzierte Pollen muß allerdings geteilt werden: Für eine einzige Bienenlarve muß ein Bienenweibchen je nach Pflanzenart mindestens 80 Blüten besuchen, manchmal mehrere Hundert. Die Blütenpflanzen können den für ihre eigene Bestäubung produzierten Pollen aber nicht unbegrenzt Bienen, Käfern, Fliegen etc. zur Verfügung stellen – sie müssen eine allzu radikale Ausbeutung verhindern, etwa durch spezielle Blütenformen.
Auf den Pollen kommt es an:
Zum Überleben benötigt eine Tierart eine miteinander vernetzte Mindestpopulation; wenn sich mögliche Geschlechtspartner nicht mehr finden oder/und die genetische Variabilität zu gering wird, stirbt die Art aus. Eine lokale Bienenpopulation benötigt für ihr Fortbestehen mindestens 10 Weibchen, sie ist allerdings mittelfristig auf einen Genfluß zu anderen Populationen derselben Art angewiesen. Eine Mindestpopulation fortpflanzungsfähiger Individuen erfordert natürlich eine Mindestmenge geeigneten Pollens zur richtigen, d. h. Flugzeit der Bienenart. Auch die Risiken ihres Überlebens haben folglich mit der Verfügbarkeit bzw. Erreichbarkeit von Blütenpollen zu tun:
- Ein zu geringes Blüten- bzw. Pollenangebot kann einen überdurchschnittlich großen Anteil der Drohnen an der Population zur Folge haben. Das hat vermutlich damit zu tun, daß die Männchen der meisten Wildbienen kleiner sind als die Weibchen und daher im Larvenstadium weniger Pollen benötigen: Offenbar legen die Weibchen dieser Arten unter dem Einfluß einer Pollenknappheit mehr unbefruchtete Eier, aus denen bekanntlich Drohnen schlüpfen. Mehr Männchen bzw. weniger Weibchen bedeuten natürlich eine Verkleinerung der Population.
- Auch der weibliche Nachwuchs kann aufgrund eines geringen Pollenangebots (und übrigens auch zu enger Niströhren) kleiner ausfallen als üblich: Aufmerksame Bienenfreunde entdecken unter den Mauerbienen an ihren Nisthilfen gelegentlich ungewöhnlich kleine Weibchen. (Für Hummel-Arbeiterinnen sind deutliche Größenunterschiede zu Beginn und Ende der Saison normal.) Kleine Weibchen zeigen im Vergleich zu normal großen Artgenossen eine deutlich höhere Sterblichkeit.
- Ausreichend viele und große Weibchen sind nur theoretisch durch häufigere bzw. längere Sammelflüge erreichbar; in der Praxis muß eine Brutzelle am selben Tag verproviantiert und verschlossen werden, und jede weitere Stunde vergrößert beträchtlich die Gefahr weiterer Parasitierung.
- Die absolute Menge der Blütentracht gibt nicht allein den Ausschlag, entscheidend ist die Verfügbarkeit des benötigten Pollens während der gesamten Flugzeit einer Bienenart: Ein großes Sonnenblumen- oder Rapsfeld bietet den Solitärbienen und Hummeln der Umgebung zweifellos eine riesige Pollenmenge, solche Sonnenblumen blühen aber natürlich nur eine begrenzte Zeit lang, anschließend bricht das Pollenangebot völlig zusammen und wird nicht ersetzt. Selbst Hummeln profitieren von Massentrachten nur bedingt, weil die entscheidende Produktion der Geschlechtstiere (Jungköniginnen und Drohnen) erst gegen Ende der Lebenszeit eines Volkes erfolgt und z. B. der Raps dann bereits verblüht ist.
Monokulturen geben im übrigen nicht nur ein monotones Bild in der Landschaft ab, sondern auch eine monotone, also einseitige, unausgewogene Pollen- und Nektardiät. Bienenarten, die sich in ihrer Evolution an viele Pollenquellen angepaßt haben, werden durch eine einzige Massentracht vielleicht nicht optimal versorgt.
- Nicht zuletzt ist auch die Entfernung der Blütenpflanzen zu den
Nistplätzen einer Bienenart für das Überleben der Population entscheidend: Als typische Teilsiedler finden Bienen nur selten am selben Ort geeignete Nistmöglichkeiten und Nahrungspflanzen, sie müssen also zwischen Nest und Blüten sehr oft hin- und herfliegen. Je größer diese Entfernung ist, desto mehr Nektar benötigt eine Biene, desto schneller verschleißt sie und desto eher fällt sie einem Beutegreifer zum Opfer. Untersuchungen haben ergeben, daß Wildbienen je nach Art und Blütenpflanzen zur Versorgung einer Brutzelle bis zu 50 Sammelflüge brauchen.
Umgekehrt gilt: Je geringer die Flugdistanz, desto größer ist die Anzahl erfolgreich nistender Weibchen und ihrer Nachkommen.
Blütenarmut – Pollenarmut:
Das Pollenangebot ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark zurückgegangen, weil unsere Landwirtschafts- und Siedlungspolitik die Anzahl der Blütenpflanzenarten wie auch die absolute Menge der Blütenpflanzen verringert hat und weiter verringert. Drei Faktoren sind dafür verantwortlich, daß üppige Blumenwiesen vielerorts der Vergangenheit angehören:
- Die industrialisierte weil intensivierte, mechanisierte und chemisierte Landwirtschaft hat die Nahrungsproduktion enorm gesteigert, zugleich aber Überproduktion und Fehlernährung verursacht und in Natur und Landwirtschaft riesige Schäden angerichtet. Artenreichtum ist – anders als sich Laien das vorstellen – keineswegs das Ergebnis gut gedüngter, nährstoffreicher Wiesen und Felder – ganz im Gegenteil: Nährstoffarme Lebensräume wie Bergweiden (Almen), Kalkmagerwiesen, Streuobstwiesen und Feldraine sind, wie jeder Tourist aus dem Urlaub weiß, außerordentlich reich an Blütenpflanzen. Eine regelmäßige künstliche Stickstoffzufuhr von nur 50 kg pro Hektar und Jahr führt aber bereits zum Verlust von 6,5 Blütenpflanzenarten; in Deutschland dürfen bis zu 230 kg Stickstoff in Grünland eingebracht werden. Selbst der Stickstoffeintrag aus der Luft ist im Verlust von Pflanzenarten meßbar. Hinzu kommt der Biozideinsatz: Angeblich bekämpfen Fungizide, Herbizide und Pestizide nur Pilze und sogenannte Unkräuter und Schadinsekten, tatsächlich aber fallen jedes Jahr viele Millionen Honig- und Wildbienen der Giftwirtschaft zum Opfer, und dies keineswegs nur durch "unsachgemäße Anwendung".
Die Lösung dieses Problems liegt natürlich in der ökologischen Landwirtschaft: Der Verzicht auf Kunstdünger und Biozide vergrößert zwar den Flächenbedarf und Arbeitsaufwand, fördert aber die Humusbildung und biologische Vielfalt und vermeidet den oft hohen Pflegeaufwand für stillgelegte Flächen.
- Die natürliche Sukzession verringert ebenfalls den Artenvielfalt der Blütenpflanzen: Wenn aufgegebene Flächen weder landwirtschaftlich genutzt noch als Landschafts- und Naturschutz-Maßnahme gepflegt (z. B. "entbirkt" oder beweidet) werden, verdrängt die zunehmende Verbuschung und schließlich Bewaldung schnell blütenreiche Kräuter- und Staudenfluren. (Deutschland wäre ohne Eingriffe des Menschen fast vollständig bewaldet.) Die Alternativen, nämlich menschliche Folgenutzungen, sind noch schädlicher weil meist unwiderruflich: Freizeitparks, Golfplätze, Pferdeweiden etc.
Die für den Erhalt einer gewünschten Sukzessionsstufe nötigen Pflegearbeiten können beträchtlich sein und werden meist im Auftrag Biologischer Stationen und vom ehrenamtlichen Naturschutz erledigt; die Motivation naturschutzbegeisterter Mitbürger läßt sich steigern, wenn sie wissen und miterleben können, was sie schützen, wem die Biotoppflege zugute kommt. Wildbienen eignen sich dafür sehr gut: Die alljährliche Erfassung des Arteninventars der Blütenpflanzen und Bienen vermehrt die Artenkenntnis der Beteiligten – und ihren Stolz.
- Die Bodenversiegelung schädigt die Blütenvielfalt nicht nur durch ihren steigenden Anteil an der Gesamtfläche: Asphaltiert werden meist nicht artenarme Nutzflächen bzw. Monokulturen, sondern gerade naturbelassene und naturnahe Landschaftselemente, die nicht oder kaum gepflegt wurden und noch eine große Artenvielfalt aufwiesen: Brachen und Ruderalflächen, unbefestigte Feldwege, Felstreppen, kleine Gehölzgruppen etc.
Verhindert werden kann auch die zunehmende Bodenversiegelung nur durch umweltpolitisches Engagement.
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Maisfelder: Mit ihrer Fläche wachsen Pestizideinatz & Erosion; Humus & Blütenreichtum aber schwinden ... |
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