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Wildbienen-Anatomie
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Die über 575 Bienenarten, die allein in Deutschland vorkommen, weisen in ihrem Erscheinungsbild teils große Unterschiede auf, teils sind sie einander sehr ähnlich. Um sie anhand äußerer Merkmale unterscheiden und die einschlägige Bestimmungsliteratur verstehen zu können, ist eine grundlegende Kenntnis ihres Körperbaus erforderlich. Diese Seite befaßt sich daher mit der Anatomie der Bienen, genauer: ihrer sichtbaren, äußeren Gestalt (Morphologie). Wildbienen sind Insekten, also 'Kerbtiere', deren drei Hauptabschnitte deutlich durch "Einkerbungen" voneinander getrennt sind: Kopf mit zwei Antennen, Bruststück (Thorax bzw. Mesosoma) und Hinterleib (Abdomen bzw. Metasoma). Hinzu kommen die Flügel und Beine zur Fortbewegung.

Anthophora plumipes, M

Kopf – Caput

Der Kopf läßt sich untergliedern in den Scheitel (Vertex, Oberkopf zwischen und hinter den Augen), die Stirn (Frons), darunter, zwischen den Antennen das Stirnschildchen und schließlich dort, wo bei einem Säugetier die Nase sitzt, den breiten Kopfschild (Clypeus), der bei Männchen (Foto rechts: Anthophora plumipes) oft sehr ausgeprägt ist. Die Bereiche zwischen Stirnschildchen und Clypeus in der Mitte des Gesichts und den Augen außen wird auch "Nebengesicht" genannt. Außen hinter den Facettenaugen befinden sich die schmalen Wangenstreifen (Genae), innen neben den Facettenaugen haben die Weibchen vieler Arten (vor allem der Gattung Andrena) je eine behaarte flache Grube, die sogenannte Fovea facialis. Seitlich, oben, vorn und unten besitzt der Kopf drei wichtige Organe:

Bruststück – Thorax oder Mesosoma ?

Der mittlere, fast kugelförmige Teil des Bienenkörpers, der "Brustkorb" bzw. das "Bruststück", besteht aus drei Segmenten: Prothorax, Mesothorax und Metathorax. Nur bezogen auf den Rücken – altgriechisch noton – sind dies in ihrer latinisierten Form: Pronotum, Mesonotum und Metanotum. Das Pronotum ist nur bei gesenktem Kopf und wenig Behaarung zu sehen, augenfällig sind drei sichtbare Rückenschilder: das große Scutum ('Schild'), dahinter das Scutellum ('Schildchen') und schließlich das Postscutellum ('Hinterschildchen').
    Hinzu kommt noch das Propodeum, auch Epinotum oder Mediansegment genannt: ein Segment des Abdomens (Hinterleibs), das fest mit dem Metanotum verwachsen ist und daher zum Thorax zu gehören scheint, aber tatsächlich nicht gehört. Die gängige wissenschaftliche Bezeichnung Thorax für das Bruststück einer Biene schließt also, korrekt verwendet, das Propodeum aus; einschließlich des Propodeums ist das optisch vom Hinterleib abgegrenzte Bruststück das Mesosoma (von altgriechisch meso = 'mittlere(r)' & soma = 'Körper, Leib';).
    Getragen wird der Thorax (bzw. das Mesosoma) von drei Beinpaaren, jeweils eines setzt an der Unterseite des 1., 2. und 3. Segments an. In der "Schultergegend", nämlich am 2. und 3. Segment, setzen außerdem zwei Flügelpaare an, die von der mächtigen Brustmuskulatur angetrieben werden. Die Teile im einzelnen:

Hinterleib – Abdomen oder Metasoma ?

Genaugenommen ist der Hinterleib einer Biene nicht nur das, was man zu sehen glaubt: Da das (vom Kopf her gesehen) erste Segment des Hinterleibs bzw. Abdomens in der Evolution der "Taillenwespen" (Apocrita) breitflächig mit dem letzten Brustsegment verwuchs (s. oben), befindet sich die "Wespentaille" der Bienen nicht zwischen Thorax und Abdomen, sondern ist eine Einschnürung des Hinterleibs selbst, nämlich zwischen dem Propodeum und dem langen Körperende, dem Metasoma (von altgriechisch meta = 'nach, hinter' etc. & soma = 'Körper, Leib'). Korrekt muß man also bei der Beschreibung einer Biene den Hinterleib "Metasoma" nennen, dennoch spricht man meist (und fälschlich) vom "Abdomen". Die Existenz der "Wespentaille" unterscheidet übrigens die Bienen und andere Hautflügler – etwa Schlupfwespen, Gallwespen, Goldwespen, Ameisen etc. – von den Pflanzenwespen (Symphyta).

Beine

Bienenbein

Bienen besitzen wie alle Insekten sechs Beine. Diese dienen nicht nur dem Laufen, Festhalten und Transportieren, Graben und Bauen, sondern mittels spezieller Sinnesorgane auch der Wahrnehmung chemischer Verbindungen sowie von Vibrationen in Festkörpern. Schallwellen in der Luft können Bienen hingegen nicht wahrnehmen, sie sind also im menschlichen Sinne taub.
    Jedem der drei beschriebenen Thorax-Teile (Prothorax, Mesothorax, Metathorax) entspringt ein Beinpaar. Ein Bein besteht aus fünf unterschiedlich großen und geformten, gelenkig miteinander verbundenen Gliedern: Hüfte (Coxa), Schenkelring (Trochanter), Schenkel (Femur), Schiene (Tibia) und Fuß (Tarsus). Die fünf Beinglieder kann man jeweils sprachlich einem der drei Thorax-Teile zuordnen, indem man sie entweder numeriert (z. B. Tibia 1, Tibia 2, Tibia 3) oder – wie einige Autoren dies tun – mit dem Präfix des jeweiligen Thorax-Segments (pro, meso, meta) kennzeichnet:

Die deutschen Begriffe der fünf Beinglieder sind der menschlichen Anatomie entlehnt, auf die jeweils anschließend verwiesen wird:

Die Vorderbeine dienen u. a. dem Putzen der Augen und Fühler; am Beginn der Fersenglieder (Basitarsi) weisen sie deshalb eine kleine Lücke bzw. "Putzscharte" auf, durch die gelegentlich die Fühlergeißel (Flagellum) gezogen wird. Die Weibchen einiger Gattungen besitzen auf den Hinterschienen (Metatibiae) und oft zusätzlich den Fersengliedern (Basitarsi) der Hinterbeine (Metatarsi) Haarbürsten für den Pollentransport. Wenn beide, Tibia und Basitarsus, Transporthaare besitzen, weisen die Pollenpakete an der Grenze zwischen beiden Bürsten einen Bruch bzw. Spalt auf.

Anmerkung zum ...
Basitarsus: Dieser ist, wie man vermuten könnte, kein separater, 'basaler' Tarsus, sondern das nach der Tibia erste bzw. 'Basisglied' eines Tarsus. Obwohl jedes Bein, mithin jeder Tarsus ein solches 'Basisglied' besitzt, ist mit Basitarsus in der Literatur meist nur das Basisglied eines Hinterbeines gemeint. Der Grund liegt in der Bedeutung des Hinterbeinpaares vieler Arten für den Pollentransport.
Metatarsus: Dem letzten Thorax-Teil, dem Metathorax, entspringt das letzte Beinpaar, dessen Füße sind entsprechend die Metatarsi. Als Metatarsus wird allerdings in der entomologischen Literatur auch das erste Glied bzw. 'Basisglied' eines Tarsus (siehe oben) bezeichnet, und meist ist dann der Basitarsus des Hinterbeinpaars gemeint. (Das Präfix meta bezieht sich in diesem Fall nicht auf den Thorax des Insekts bzw. die Gesamtheit der drei Beine, sondern nur auf einen Fuß (Tarsus) bzw. Hinterbeinfuß.) Um diese verwirrende Mehrdeutigkeit zu vermeiden, könnte man das 'Basisglied' (Basitarsus) eines Hinterbeinfußes als Basimetatarsus bezeichnen.
Protarsus: Dem ersten Thorax-Teil, dem Prothorax, entspringt das erste Beinpaar, dessen Füße sind daher die Protarsi. Der Protarsus ist allerdings nicht mit dem Prätarsus zu verwechseln: Dieser ist kein ganzer Fuß, sondern nur das erste Fußglied bzw. "Krallenglied".

Flügel – Alae

Bienenflügel

Auch wenn man an fliegenden und meist auch ruhenden Bienen auf den ersten Blick nur zwei Flügel wahrnimmt: Anders als Fliegen und andere Zweiflügler (Diptera) besitzen Bienen und andere Hautflügler (Hymenoptera) zusammen vier meist durchsichtige oder durchscheinende Flügel: ein vorderes, größeres Flügelpaar, das am mittleren Thorax-Segment (Mesothorax) ansetzt, und ein hinteres, kleineres Flügelpaar, das am hinteren Thorax-Segment (Metathorax) ansetzt. Auf den ersten Blick auffällig ist die Äderung:

Pelz / Behaarung

Viele Wildbienen weisen eine nur spärliche oder kurzflorige, jedenfalls wenig auffällige Behaarung auf, die sich vor allem am seitlichen und hinteren Thorax, zwischen den Tergiten und auf den Beinen konzentriert; einige Arten (Maskenbienen: Hylaeus spec.) sind gar unbehaart, geprägt wird ihr Erscheinungsbild überwiegend oder ausschließlich durch die Größe, Form und Farben ihres Körpers. Etliche andere Bienenarten wiederum tragen einen dichten und hohen Pelz, der oft durch eine leuchtend bräunliche oder gelbliche Färbung auffällt und besonders den Thorax viel dicker erscheinen läßt, als er in Wirklichkeit ist. Solche Bienenarten lassen sich auf den ersten Blick von der Honigbiene unterscheiden, auch wenn sie ansonsten gleichgroß sind.
    Besonders auffällig ist dies bei den Hummeln, die durch ihren Pelz kompakter ("pummeliger") erscheinen, als sie es unbepelzt wären. Der Pelz zeigt nicht nur einen auffälligen Farbkontrast bzw. ein Streifenmuster (was uns Menschen die Artbestimmung erleichtert), sondern hält diese an sich wechselwarmen Tiere bei niedrigen Außentemperaturen auch warm.
    Da nur weibliche Bienen Pollen sammeln und in die Brutzellen eintragen, hat ihr Pelz in den meisten Bienengattungen noch eine zusätzliche Funktion: den Transport des Pollens. Dieser wird während eines Sammelfluges in verschiedenen Haarstrukturen zwischengespeichert und anschließend in der Brutzelle ausgekämmt. Zwei Speicherstrukturen lassen sich unterscheiden:

Geschlechter

Die beiden Geschlechter einer Bienenart können auf den ersten Blick deutliche morphologische Unterschiede in Gesamtgröße sowie Form und Färbung einzelner Körperteile aufweisen, sie können sich aber auch zum Verwechseln ähneln. Die grundsätzlichen Unterscheidungsmerkmale sind:

Beim Zählen der Tergite (also der dorsalen Hinterleibssegmente) ist zu berücksichtigen, daß von oben meist nur 5 davon sichtbar sind, der sechste und kleinste Tergit ist dann verdeckt und erst von hinten und von der Seite zu erkennen. Bei einer Drohne kommt hier noch ein weiterer Tergit hinzu. Ähnliches gilt für die Fühlerglieder: Hier sind sowohl der Schaft (Scapus) als auch das darin verankerte extrem kurze erste Geißelglied (Pedicellus) mitzuzählen.

Colletes hederae an Efeu)
Eine Efeu-Seidenbiene (Colletes hederae)  an Efeu (Hedera helix): In der Profilansicht lassen sich viele morphologische Merkmale gleichzeitig erkennen – und fotografisch scharf abbilden · Solingen, 20.9.2015

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