Neophyten: Silberlinden

Neophyten sind botanische Neubürger, Pflanzen also, die entweder aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen und eigner Durchsetzungskraft von selbst langsam zu uns gewandert sind oder aber vom Menschen absichtlich oder aus Versehen in unsere Breiten verschleppt wurden. Ein recht bekanntes Beispiel für solche Einwanderer ist das indische Springkraut (auch: Balsamine, Impatiens glandulifera), das sich, einmal eingeschleppt, entlang unserer Flüsse erfolgreich ausgebreitet hat und dort oft in ebenso aufwendigen wie letztlich nutzlosen Aktionen bekämpft wird, da es das einheimische Springkraut verdrängt. Ein anderer Neophyt ist die im Straßenbild häufige Silberlinde (Tilia tomentosa).

Silberlinden und Hummelsterben

Die aus Südosteuropa und Kleinasien stammende Silberlinde hat sich in unseren luftverschmutzten Städten als beständiger als ihre einheimischen Verwandten erwiesen und wird daher gerne als Straßen- und Parkbaum angepflanzt. Besonders unter Silberlinden findet man aber im Spätsommer immer wieder große Mengen flugunfähiger, sterbender oder schon toter Hummeln, seltener auch anderer Insekten. Zunächst kam der Verdacht auf, die Ursache für das massenhafte Hummelsterben sei eine Vergiftung durch die im Lindennektar enthaltene Mannose (eine Zuckerart), an die unsere Hummeln nicht angepaßt seien. Dann stellte sich jedoch heraus, daß

  1. der Nektar der Silberlinden wie auch der anderer Linden gar keine Mannose enthält;
  2. die unter Linden liegenden toten Hummeln fast keine zuckerhaltigen Energiereserven haben (nur knapp 7 μMol Zucker gegenüber ca. 17 μMol bei Hummeln, die an anderen Blüten gesammelt haben)   und
  3. diese Hummeln zum Teil wieder zu Kräften kommen, wenn man ihnen eine Zuckerlösung anbietet, wie sie Bienen- und Hummelhalter zur Fütterung ihrer Tiere herstellen.

Das Hummelsterben hat also offensichtlich andere Gründe: Zum kleineren Teil mag es sich um alte Tiere handeln, die unter solch großen Nektarquellen in größerer Anzahl der Altersschwächer erliegen also anderswo und daher mehr auffallen; hauptsächlich fallen die Hummeln hier aber wohl einem Ungleichgewicht von Energiegewinnung und -verbrauch zum Opfer:

Im Spätsommer wird das Nahrungsangebot der Trachtpflanzen knapp: 1. natürlicherweise, 2. durch das notorische Abmähen von Ruderalflächen, um Wildkräuter am Samenwurf zu hindern, 3. durch die grundsätzliche Pflanzenarmut unserer Städte und 4. durch das Anpflanzen zwar farbenprächtiger, aber nektararmer Hybriden in Parks und Gärten. Eine Silberlinden-Allee wirkt also im großen Umkreis wie ein riesiger "Nektarmagnet".
    Hummeln müssen also zunächst länger als unter natürlichen Bedingungen fliegen, um überhaupt zu den verbleibenden Nektarquellen – vor allem den Silberlinden – zu gelangen, und verbrauchen dabei schon mehr Energie, als sie dort noch aufnehmen können: Zwar produziert eine Silberlinde mit 0,7 mg Zucker pro Blüte kaum weniger als die heimische Sommerlinde (Tilia platyphyllos, 0,8 mg), ihre Übernutzung durch eine große Zahl konkurriernder Bienen und anderer Insekten übersteigt aber ihre Nektarproduktion deutlich. Folglich wird die Energiebilanz der Hummeln während ihrer Sammelflüge von einer (halb-) leeren Blüte zur nächsten immer schlechter, und sie sterben schließlich an Hunger und Entkräftung.

Dem könnte man durch vorbeugen durch das vermehrte Anpflanzen nektarreicher (wilder) Blütenpflanzen, vor allem spätblühender Stauden, und dies auch auf Kosten fremdländischer Linden. Das dies kaum geschieht, beweist die bedauerliche Tatsache, daß Grünzüge in unseren Städten nicht wirklich aus ökologischen Gründen geschaffen und gepflegt werden, sondern nur zu ästhetischen und Erholungszwecken: Eine Lindenallee "macht sich" über Beeten und "englischem" Rasen eben besser als auf hummelfreundlichen Wildflächen ...

Silberlinden   Tote Hummeln

Weitere fremdländische Pflanzen werden unter www.tierundnatur.de/pflanzen www.tierundnatur.de auf der Pflanzen-Seite "Neophyten" behandelt.


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